Im Zweifel sind wir alle Freiwild

Ein Kommentar.

Die Verurteilung Gina Lisa Lohfinks hat Signalwirkung für Betroffene wie Sexualgewalttäter

Gestern, den 22. August 2015 ist Gina Lisa Lohfink wegen einer angeblichen Falschbeschuldigung zu einer Strafzahlung von 20.000 € verurteilt worden.

Dieses Urteil ist in seiner offensichtlichen Ungerechtigkeit ein Schock.

Allein die Vermutung Lohfinks, ihr könnten KO-Tropfen verabreicht worden sein, reichte Staatsanwältin und Richterin, um ihr ein „Lügenkonstrukt“ zu unterstellen und in diesem Sinne zu urteilen.

Beide lebten auch in anderen Punkten ihre Voreingenommenheit in bemerkenswert ungehemmter Form aus: Das eindeutige „Hör auf“, das Frau Lohfink während der auf Film dokumentierten sexuellen Vorgänge mehrmals ausspricht, bezog sich ihrer ersten Interpretation zufolge nicht auf den Sex an sich, sondern auf die jeweilige sexuelle Handlung – wo da der entscheidende Unterschied sein soll, müssten Ebner und Staatsanwältin auch noch erklären. Dann – wohl um jeden Eindruck einer sexuellen Grenzüberschreitung zu negieren – wussten sie, dass es sich nur auf das Filmen bezogen haben kann. Offensichtlich ging es bei diesen Interpretationen darum, die für Frau Lohfink ungünstigste Variante zu finden und daran festzuhalten. Die behauptete Eindeutigkeit der letzten Version wird bereits dadurch unterminiert, dass selbst die Staatsanwältin nacheinander zwei verschiedene Versionen für wahrscheinlich hielt – ganz abgesehen davon, dass auch sie nicht in Frau Lohfinks Kopf sehen kann.

Und warum gilt in diesem Fall eigentlich nicht im Zweifel für die Angeklagte?

Dass auch weitere Zeuginnen von eigenen Gewalterfahrungen mit Sebastian Pinto, einem der beiden mutmaßlichen Vergewaltiger, berichteten, focht die Richterin in ihrem Urteil ebenfalls nicht an.

Aus diesem Urteil spricht Frauenhass.

Dass es zwei Frauen sind, die sich mit derartiger Verve der juristischen Verfolgung einer Betroffenen hingaben, ist dabei kein Widerspruch. Auch internalisierter Frauenhass kann in der hier vorliegenden Form wirksam werden; und das umso mehr, wenn Frauen sich in einem männlich dominierten Feld beweisen müssen und jeglichem Verdacht einer Frauenparteilichkeit mit besonderer Härte diesen gegenüber vorzubeugen versuchen.

Doch in diesem Fall kommt noch ein weiterer entscheidender Punkt hinzu: Richterin und Staatsanwältin konnten Frau Lohfink als Frau von anderer Art als sich selbst betrachten, als eine nämlich, die für ihr für ihr sexualisiertes Auftregen nichts Besseres als das verdient, was ihr angetan wurde – und deren Bestehen auf ihrem Recht als Anmaßung nur eine Bestrafung verdient.

So wirkt das patriarchale Teile und Herrsche der Unterteilung zwischen „anständiger Frau“ und „Schlampe“ auch in den Köpfen von Frauen.
Dieser Prozess und das Urteil haben vorgeführt, wie wirksam die alte Heilige-Hure-Dichotomie noch immer – oder vielleicht wieder stärker denn je – ist.
Während Frauen sich gegenseitig des einen oder anderen bezichtigen und zugleich unsicher vor diesen Kategorien und der Frage, welcher sie entsprechen, stehen, lehnen sich im Hintergrund die Männer bequem zurück. Sie ernten die Früchte: verunsicherte, und dadurch manipulierbare Frauen, die weder als prüde noch als Schlampe gelten wollen.

Und diejenigen unter ihnen, denen die sexuelle Kontrolle, Verfügbarmachung und Willensbrechung von Frauen ein persönliches Anliegen ist, haben mit diesem gestrigen Urteil von justizieller Seite aus ein „Go“ bekommen. Richterin Antje Ebner hat Männern, die finden, dass es „klar ist, dass Sex stattfindet“, wenn eine Frau an ihrer Tür klingelt, die diese Frau gegen deren Willen bei sexuellen Akten filmen, und die einem „Hör auf“ mit einem „Laber nicht“ begegnen; solchen Männern also, Vergewaltigern mit einem Wort, hat Ebner grünes Licht gegeben. Die Justiz, so wissen diese nun, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit an ihrer Seite.

Diese Botschaft vernehmen selbstverständlich auch Betroffene, die sexuelle Gewalt erleben mussten. Empfehlenswert war es noch nie, im deutschen Staat eine Vergewaltigung anzuzeigen – bei einer Verurteilungsquote von inzwischen nur noch 8,4%. Aber welch Signal der Rechtlosigkeit wird Betroffenen und mit ihnen sämtlichen Frauen hier erneut gegeben! Im Zweifel sind wir alle Freiwild – das wird, sollte eine doch noch an justizielle Gerechtigkeit glauben, vor Gericht dann offensichtlich gerne nochmal festgeklopft.

Die aktuelle Gesetzesreform des Sexualstrafrechts, nach der der Willensausdruck der Betroffenen zukünftig zählen soll, wird solche Urteile mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verhindern. Denn schon immer haben bei Vergewaltigungsprozessen vorsitzende Richter und Richterinnen Gesetze in ihrem Sinne interpretiert. Frauenhass, wie in diesem Fall, findet immer Mittel und Wege des juristischen Ausdrucks.

Und damit wirft dieser Prozess, der so viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, ein Schlaglicht auf ein grundlegendes Problem: die Neigung der Justiz, Sexualgewalttätern möglichst wenig Ungemach zu bereiten und im Gegenzug Betroffene als die eigentlichen Schuldigen zu behandeln. Der Fall Gina Lisa Lohfinks, bei der tatsächlich eine Frau, die eine Vergewaltigung anzeigte, von der Justiz vor Gericht gezerrt und verurteilt wurde, ist jedoch ein in seiner Drastik extremes Vorkommnis (meist reicht es der Justiz, die Täter freizusprechen).

Ende September wird ein einem ähnlichen Fall über die Klage Kachelmanns gegen Claudia D. entschieden. Wir werden sehen, ob es sich beim Verklagen und der Verurteilung von anzeigenden Frauen um einen Trend handelt.

One Response to “Im Zweifel sind wir alle Freiwild”

  1. Yvonne

    Eine der perfidesten Strategien des Patriarchats ist, die Frauen so „abzurichten“, dass diese ebenfalls patriarchalisiert werden. Sie meinen allerdings „objektiv“ zu sein; und merken ihren „männlichen“ Blick auf das Geschehen überhaupt nicht mehr. Sie haben das Patriarchat internalisiert.
    Besonders in sog. männlichen Berufen wären diese Frauen gar nie in diese Position gekommen, wenn sie sich ihre weibliche Sicht und Empathie nicht abgewöhnt hätten, da diese ja als emotional und angeblich subjektiv gilt.
    Dies patriarchalen Frauen machen andern Frauen das Leben zur Hölle.
    Sie sind Gift und bremsen den Fortschritt. Das sind die „Mütter“, die ihre Töchter zur Beschneiderin bringen, die Denunziantinnen in muslimischen Ländern, die zu Verhaftungen und Steinigungen führen; und die Klatschweiber, die allen Vergewaltigungsopfer die Schuld zuweisen. Meist mit einem selbstgerechten Seufzer à la: Also mir könnte so etwas NIE passieren, aber ich bin ja auch eine anständige Frau und laufe nichts SOOOO herum, etc.
    Diese dummen Frauen verkennen, dass Vergewaltigungen bereits bei kleinen Mädchen bis zu 100-jährigen Frauen passieren kann, da es sehr viel
    (alles) mit Macht und sehr wenig mit Sex zu tun hat. Die Männer wollen den Frauen zeigen „wo der Hammer hängt“. Es ist auch eine perfide Kriegswaffe, wie jetzt ja in allen Kriegen angewandt. Ich weiss nicht, wie man diese dummen patriarchalen Frauen stoppen könnte. Es ist nur absolut unter jedem Hund und abscheulich. Madeleine Albright sagte, dass für solche Frauen eine besonders dunkle Ecke in der Hölle reserviert ist. Ich schliesse mich dem an.

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