Über die aktuelle Richtung des Diskurses in den Medien

2 Kommentare.

Das Projekt „Kein Täter werden“ ist doch eigentlich eine tolle Sache – könnte man auf den ersten Blick denken. Schließlich geht es darum, mit der Therapie pädophiler Männer langfristig Kinder zu schützen. In diesem Artikel, den wir vom Blog Anssichtssache crossposten dürfen, wird etwas genauer hingeschaut und die fragwürdigen Leitlinien des Projekts offenbart. Die Autorin zeigt auf, wie die Täterperspektive reproduziert wird, anstatt gesellschaftliche Machtverhältnisse in Angriff zu nehmen.  Sie analysiert zudem das Konzept der „Pädophilie“ als eine täterfreundliche Konstruktion. Zur Ergänzung des Artikels: Klaus Beier, Leiter des Projekts,  äußerte sich in Hinsicht auf den Fall Edathy einmal so: „Angehörige einer sexuellen Minorität können besonders wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, weil sie eine ganz andere Wahrnehmung für Entrechtung und Ausgrenzung haben.“ Damit übernimmt er eine typische Pädo-Argumentation, in der diese sich gerne als verfolgte Minderheit darstellen.  Kommentatorin chirlu wies außerdem darauf hin, daß der Titel „Kein Täter werden“ irreführend ist, da der Großteil der dort Therapierten bereits sexuelle Gewalt ausgeübt hat und die Erfolgskontrolle der Therapie darin besteht, ihren Aussagen Glauben zu schenken. Statt Mitleid für (potentielle) Täter ist ein klares Stopsignal angesagt. Denn Mitleid dafür, Kinder unversehrt zu lassen, ist höchst paradox und unangebracht.

Stopschild. Quelle wikimedia commons.

Stopschild. Quelle wikimedia commons.

Ich bin wütend. Ich bin sehr wütend. Im Fernsehen und im Internet bin ich immer wieder konfrontiert mit Spots wie: man sieht einen sympathischen jungen Mann, der Straßenbahn fährt. Eine Mutter mit Sohn steigt ein, sie setzen sich dem Mann gegenüber hin. Der Mann sieht den Jungen an und schaut dann gequält vor sich hin. Am Ende der Frage: „Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“ Und die Antwort: “- Es gibt Hilfe!“. Ich persönlich empfinde diese Frage schon als Zumutung, denn “Pädophilie“ (1) hat nun wahrlich nichts mit Liebe zu Kindern zu tun…..In einem weiteren Filmchen sehen wir vermummte, durch Kleidung und Stimme als Männer markierte Personen, die über ihr persönliches Leid sprechen und am Ende theatralisch (o.k., das ist meine Wertung…) versichern: „Ich will kein Täter werden!“  Es geht um Werbung für das sogenannte Präventionsnetzwerk “Kein Täter werden“. Hauptprotagonist in der Öffentlichkeit ist der Sexualmediziner Professor Klaus Beier von der Berliner Charité. Herr Beier ist vor allem eines: ein genialer Werbefachmann!(2) Beier ist der Ansicht sexueller Missbrauch sei, ohne dass er den Begriff näher definieren würde, eine Form von Sexualität und zwar eine gestörte, nämlich “Pädophilie”. Es soll eine sexuelle Präferenzstörung sein. Das bedeutet, die normale sexuelle Vorliebe ist gestört. Diese Störung soll sich bis zum Erwachsenenalter entwickeln und nicht heilbar sein. Die Interpretation der Ursachen sexueller Gewalt gegen Kinder als eine Krankheit fasst zunehmend Fuß. Es fließt immer mehr Geld. Der letzte Coup war, das Projekt auch in Richtung Prävention zu verkaufen. Nun werden auch schon Jugendliche heraus gefiltert und als „Pädophile“ beziehungsweise „Pre-Pädophile“ „behandelt“. Das Bundesfamilienministerium gibt dafür jetzt auch gerne Gelder (700.000 €). Projekte, die schon lange erfolgreich mit übergriffigen Jugendlichen arbeiten, gehen dagegen leer aus. Ja, ich finde auch das Abgreifen der finanziellen Ressourcen ist ein Skandal. Brisanter in meinen Augen ist aber die Richtung, die der öffentliche Diskurs nun nimmt. Das Beier mit seiner Werbung so erfolgreich ist, liegt auch daran, dass er die Strukturen, die sexuelle Gewalt gegen Kinder möglich machen, eben nicht in Frage stellt. Im Gegenteil: sie werden massiv gestützt. Die Konstruktion von „Pädophlie“ als einer Krankheit schützt sehr gut davor, Fragen nach grundlegenden gesellschaftlichen Machtstrukturen stellen zu müssen. Niemand muss sich damit konfrontieren, wie beispielsweise die Situation in der eigenen Familie ist. Strukturen, die Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in Familien, dem nahen Umfeld und Institutionen erst möglich machen, müssen so nicht hinterfragt werden. Da der „Pädophile“ an sich ja nicht heilbar ist, muss sich im Sinne einer Verhinderung von sexueller Gewalt nur damit auseinandergesetzt werden, wie diese Kranken im Vorfeld erkannt werden können. Dies wurde bis vor Kurzem übrigens durch, ja ernsthaft, Phallometrie(3) versucht. Sexualisierte Gewalt an Kindern wird so zu etwas Unvermeidlichem. Und wenn die Ursache eine Krankheit ist, dann wird es das immer geben. Das Thema hat so keinerlei Bezug mehr zum herrschenden Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern, zwischen Männern und Frauen. In dieser Darstellungsweise kommt eine Forderung nach Veränderung gesellschaftlicher Strukturen nicht vor. Und sie negiert die grundsätzliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen, sich für oder gegen die Ausnutzung persönlicher Privilegien zu entscheiden. Jede erwachsene Person entscheidet, ob die Macht gegenüber einem Kind zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse benutzt wird, sie ist für ihr Tun verantwortlich. Völlig losgelöst aus dem gesellschaftlichen Kontext wird ein individuelles, krankheitsbedingtes Problem konstruiert. Übrigens interessant, dass genau dies auch in Richtung der Betroffenen sexueller Gewalt geschieht. Hier ist die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ das Mittel der Wahl…aber dazu dann sicher mal mehr in einem extra Artikel. Dieser Diskurs untermauert auch die bekannte Konstruktion männlicher Sexualität als triebgesteuert, nicht von ihnen selbst kontrollierbar. Denn zum Einen befällt die Krankheit „Pädophilie“ bisher nur Männer, Täterinnen kommen im Konstrukt dieser Diagnose nicht vor. Zum Anderen sind Männer dieser Logik folgend, nicht in der Lage ohne Hilfe von Außen, ihr Begehren einfach nicht auszuleben. Der Täter wird also in diesem Konstrukt selbst zum Opfer, das von der Gesellschaft Mitleid und Fürsorge verdient. Das Bild des pädophilen Täters suggeriert auch noch, dass es sich bei diesen, ja kranken Menschen, um „Andere“, „Fremde“ handelt. Der „Pädophile“, als pervers eingruppiert, kann leichter gesellschaftlich ausgegrenzt werden. In dieser Dynamik steckt zusätzlich die ganz große Gefahr, dass Menschen, die für sich Lebensformen jenseits des Mainstreams wählen, in die Nähe von Tätern gerückt werden. Dies geschieht ja ganz offensichtlich, wenn in der Diskussion über sexuelle Gewalt an Jungen immer wieder auch über Homosexualität gesprochen wird.

Und die Kinder und die Jugendlichen, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind? Ich habe schon als relativ kleines Mädchen intuitiv begriffen, dass die sexuelle Gewalt, die mein Vater ausübte genau in seine gesellschaftlich vorgegebene Rolle als Vater passte. Er hatte alle Macht und übte sie auch aus, ohne das dies von irgendjemandem im Umfeld in Frage gestellt wurde. Und ich habe gesehen, dass auch viele andere Kinder Angst vor ihren Vätern hatten und auch die meisten Frauen vor ihren Männern. Zwar haben sicher nicht alle dieser Väter auch sexuelle Gewalt ausgeübt, aber das da was im Verhältnis Vater/ Kind sehr ähnlich war, war für mich deutlich. Meine Kindheit war in den 60er und 70er Jahren in Westdeutschland. Zu hoffen ist, das die Situation heute nicht mehr ganz so krass ist, so sicher bin ich mir da aber nicht… Und genau über die Wahrnehmung des Machtverhältnisses gelang es mir, mit der Auseinandersetzung des Erlebten zu beginnen. Wäre ich nun mit dem Bild des „pädophilen“ Kranken konfrontiert gewesen, hätte dies ganz leicht eine Falle für mich sein können. Meine Wut auf meinen Vater hätte nicht sein dürfen, denn er kann ja nichts dafür. Durch den emotionalen Missbrauch in meiner Herkunftsfamilie, war ich gut darauf programmiert die Verantwortung für die mich umgebenden Erwachsenen, insbesondere für meine Mutter, zu übernehmen. Durch das Bild des armen „Pädophilen“ (hier noch mal ein Hinweis auf die Werbespots – und Überraschung: Kinder und Jugendlich sehen fern..!), hätte ich auch noch die Verantwortung für das Verhalten meines Vaters übernommen. Als Kind hätte ich sicher versucht, ihm zu helfen und Verständnis für ihn zu haben. Im Heranwachsen wäre mir womöglich dadurch die Chance genommen worden, durch einen klaren Kontaktabbruch ein mehr und mehr selbstbestimmtes Leben beginnen zu können. In meiner Kindheit gab es auch Versuche anderer Männer aus meinem näheren Umfeld sexuelle Gewalt mir gegenüber auszuüben. Meine Wut hat mir auch an diesen Punkten geholfen, mich mehr oder weniger erfolgreich zur Wehr zu setzen. Mit dem Bild des armen kranken Mannes, der ja nicht anders kann, wäre auch dies vermutlich sehr anders verlaufen….

(1) „Pädophilie“ bedeutet übersetzt: die Liebe zu Kindern. Dieser Begriff ist gänzlich unpassend. Der Begriff „Pädokriminalität“ wäre hier passender. Er bedeutet , dass es um Verstöße gegen Strafgesetze, um strafbare Handlung gegenüber Kindern geht.
(2) Mittlerweile wird dieses Programm in Deutschland an weiteren acht Kliniken durchgeführt. Ziel ist ein flächendeckendes Angebot. Und Beier arbeitet auch schon deutlich an einem internationalem Transfer seiner Idee…
(3) Diagnostiziert wird durch Phallometrie. Dazu werden Männern Bildern von potentiellen Sexualobjekten vorgelegt und es wird geguckt, wann sie eine Erektion bekommen durch Vermessung ihres Penis(Phallometrie). Neuerdings erfolgt die Untersuchung auch per MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie). Durch ein bestimmtes bildgebendes Verfahren wird sichtbar, wann wo was im Hirn durchblutet wird.
(4) Ergänzend: zum vermeintlichen Behandlungserfolg des Projektes:http://www.zeit.de/2014/12/paedophilie-therapie-rueckfall/seite-3

2 Responses to “Über die aktuelle Richtung des Diskurses in den Medien”

  1. Angelika Oetken

    Die Betreiber von „Kein-Täter-werden“ behaupten, die Wirksamkeit ihres Ansatzes beweisen zu können. Dessen Effizienz wird von ExpertInnen und ErfahrungsexpertInnen (Betroffenen und Mitbetroffenen) seit der Implementierung des ersten dieser Projekte in Berlin angezweifelt.
    Der Forensiker Andrej König hat in einem kürzlich erschienenen Fachartikel dargelegt, welche methodischen Schwächen die Evalutation der „Kein-Täter-werden“-Durchläufe hat
    http://link.springer.com/article/10.1007/s11757-015-0316-5#page-1
    Die auch für Laien sehr gut verständlichen Ausführungen von Herrn König möchte ich um einen Punkt ergänzen.
    Die Daten über die Projektteilnehmer werden ausschließlich dadurch ermittelt, dass diese selbst über sich Auskunft geben. Wer sich aber näher mit Pädokriminellen und ihren typischen Verhaltensweisen befasst, weiß, dass es kaum eine Gruppe von Menschen gibt, die es mit ihnen an Unglaubwürdigkeit aufnehmen kann. Lügen, Täuschen, Manipulieren, Leugnen, Drangsalieren, Simulieren gehört für Täterinnen und Täter quasi zur Grundausstattung. Ohne diese Persönlichkeitsmerkmale könnten sie nicht so ungehindert und weitgehend unsanktioniert ihre Straftaten begehen. Und das unabhängig davon ob diese Menschen aus Gründen der Psychopathologie heraus oder in Folge einer psychosozialen Verwahrlosung Heranwachsende sexuell ausbeuten.
    Will sagen: wer es mit dem Kinderschutz ernst meint, ersetzt im Umgang mit mutmaßlichen, tatsächlichen und möglichen TäterInnen guten Glauben durch angemessene Skepsis.

    Was die Notwendigkeit von regulierenden Angeboten für Pädosexuelle bzw. Pädokriminelle angeht: sexuelle Übergriffigkeit setzt sich häufig in Täter-Opfer-Ketten fort. Nicht selten wird innerhalb von Flash-Back-Sequenzen missbraucht. Gerade auch wenn sadistische Elemente hinzukommen. Missbrauch im Kleinstkindalter, häufig durch die eigene Mutter hat besonders verheerende Folgen. Die Ursachen sind nämlich dem expliziten Gedächtnis nicht zugänglich und können nur schwer bearbeitet werden. Das ist etwas für Therapeuten mit ganz besonders viel Erfahrung in dem Bereich.
    Menschen, die Täterimpulse verspüren sollten deshalb leichter Zugang zu einer fundierten psychotraumatologischen Behandlung erhalten. Und deren Behandler haben unsere besondere Unterstützung verdient. Aber auch Diejenigen, die einfach „nur“ kriminell sind, brauchen eine professionelle Begleitung und meistens auch ein straffes Regulativ. Nicht zuletzt durch speziell geschulte Betreuer.

    D.h. es ist viel sinnvoller in solche Ansätze Geld zu stecken, als es einer bestimmten Gruppe von Sexualwissenschaftlern zu ermöglichen, eine schwerwiegende Pathologie zur sexuellen Normvariante umzumünzen.

    Nein: ein pädosexuell empfindender Mann oder eine von Übergriffen phantasierende Frau dürfen keinen hohen Posten in der Politik einnehmen, wie Prof. Beier Anfang des Jahres in einem Spiegel-Interview behauptete. Im Grunde sollten sie bis auf Weiteres unter Aufsicht gestellt werden. Solche Menschen sind in ihrer Urteils- und Steuerungsfähigkeit eingeschränkt und brauchen eine umfassende, ursächliche und vor Allem auf den Opferschutz fokussierte Intervention.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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