Verhelfen bedeckte Brüste zu mehr Sicherheit gegen die Objektifizierung von Frauen?

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Alice Schwarzer glaubt ja und empfiehlt bei Ask Alice der 20-jährigen und (noch) körperlich  selbstbewussten Sofia dies:

„Die Entblößung deines Busens in der Öffentlichkeit allerdings ist in unserer Kultur eben keine Selbstverständlichkeit. Du kannst es tun – musst dann aber wissen, dass die Betrachter nicht immer so unschuldig sind wie du. Du könntest es aber auch lassen. Das würde ich empfehlen. So bist du sicher, nicht ungewollt zum Objekt zu werden.“

Emma Holden sitzt 'oben ohne' in einer sonnendurchfluteten Fensternische und liest ein Buch. Foto: Cecilie Bødker

Emma Holden sitzt ‚oben ohne‘ in einer sonnendurchfluteten Fensternische und liest ein Buch. Foto: Cecilie Bødker

Geht es lediglich um die Frage, ob sich eine Frau für körperliche Selbstbestimmung oder gegen Möglichkeit entscheidet, ungewollt zum Objekt zu werden? Wenn ja, dann ist die Antwort einfach: Entscheidend ist das individuelle Gefühl der Frauen, ob sie ihre Brüste enthüllen oder verhüllen wollen. Dementsprechend sollten beide Varianten aus feministischer Perspektive in Ordnung sein.

Was macht also ein Objekt zum Objekt?
Eine oder mehrere Personen, die sich als aktive Subjekte verstehen, bestimmen über die Handlungsfreiheit eines für sie verstandenen Objekts und machen es damit passiv. Eine Frau, die aber bewusst nach ihren Bedürfnissen handelt, kann demnach kein Objekt sein. Dass es einfach immer wieder grenzüberschreitende Ignoranten gibt, muss also kein Argument für präventives Verhüllen sein.

Wem hilft die von Alice empfohlene Vermeidungstaktik letztlich wirklich: den Frauen oder den Männern?
Etwas weiter gedacht, müsste es dann auch fälschlicher Weise heißen: Wer nicht zum Jagdobjekt für sexuelle Übergriffe herhalten will, trinke bitte keinen Alkohol! Eben weil Frauen doch wissen, dass sie damit sowohl Männern als auch justizieller und sozialer Aburteilungen schutzlos ausgeliefert sein könnten. Nein, das Problem sind weder Alkohol oder nackte Brüste, sondern dass grenzüberschreitendes und sexistisches Verhalten immer noch als etwas scheinbar Selbstverständliches oder Unveränderliches hingenommen wird. Und solange sich dies nicht ändert, wird es immer noch nötig bleiben immer und immer wieder zu wiederholen: Die Schuld für sexuelle Übergriffe liegt zu gar keinem Prozent bei den Betroffenen.

Dies ist der Punkt, an dem der selbstbestimmte Umgang mit den eigenen Brüsten auch zum Statement gegen Sexismus und sexuelle Gewalt wird. Denn dass Männer genauso gut wie Frauen wissen was grenzüberschreitend ist, dürfte spätestens ab der Studie von Diehl & Bohner (Uni Bielefeld) bekannt sein. Es wird also Zeit, dass deutlich mehr Männer ihrem Wissen entsprechend korrekter handeln! Fragt sich nur, wie Frauen sie dazu besser bewegen können; durch Konfrontations- oder durch Vermeidungstaktik?

Den weiblichen Körper als Ausdruck körperlicher Selbstbestimmtheit inszenieren
Die Dänin Emma Holden hat mit einer Aktbildkampagne vorgemacht, wie sie den Unterschied zwischen Objekt und Subjekt versteht und damit die Wichtigkeit des Einverständnisses unterstrichen. Warum sie die Bilder von sich als Maßnahme gegen die Veröffentlichung von ‚Rache-Pornos‘ anfertigen ließ, erklärt sie auf hystericalfeminisms.com so:

„Die Bilder sind ein Versuch, mich zu einem sexuellen Subjekt anstatt eines Objektes zu machen. Ich schäme mich nicht meines Körpers, er gehört zu mir. Einverständnis ist der Schlüssel. So wie Vergewaltigung und Sex nichts miteinander zu tun haben, sind gemeinsam verbreitete Bilder mit und ohne Zustimmung komplett verschiedene Dinge.“1

Diverse Zeitschriften veröffentlichten ihre Bilder und unterstützten damit ihre Form des Aktivismus „um das Bewusstsein zu schärfen […] (und) deutlich zu machen, wie viele Menschen nicht einmal den Unterschied zwischen einem Bild mit oder ohne Zustimmung kennen.“ (Zitat von n24.de)

So ließe sich nun auch bezüglich unverhüllter Brüste, freizügiger Kleidung, deutlichem Alkoholkonsum etc. hinterfragen: Sollen Frauen sich lieber per vorauseilendem Gehorsam oder präventiv selbst beschränken, nur damit keine ihrer Handlungen als Einladung für sexistische und sexuelle Grenzverletzungen umgedeutet werden kann? Falls ja, müssen Frauen damit leben, dass sie mehr oder weniger freiwillig, Männern ihre Verantwortlichkeit abnehmen – Stück um Stück ihrer selbst auferlegten ‚Selbstbeschränkungen‘2. Stattdessen dürfte es letztlich im Sinne aller Beteiligter sein, für das unberührbare Recht auf körperliche Selbstbestimmtheit einzustehen, nach dem u. a. eben Brüste auch einfach nur Brüste sein dürfen – unabhängig vom Geschlecht.


1  Übersetzt aus dem englischen Originalzitat: „The pictures are an attempt at making me a sexual subject instead of an object. I am not ashamed of my body, but it is mine. Consent is key. Just as rape and sex have nothing to do with each other, pictures shared with and without consent are completely different things“.
2 Die Antwort darauf, wie viel Selbst in diesen Entscheidungen steckt,  also bewusst und frei von gesellschaftlichen Zwängen getroffen,  soll hier offen gelassen werden.

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