Es war mehr als eine Soli-Kundgebung

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Mitgefühl und Solidarität auf der Demo. Quelle: Steffi Reichert, https://www.flickr.com/photos/sozialfotografie/27668778690/in/album-72157667552938844/

Mitgefühl und Solidarität auf der Demo: Gina Lisa Lohfink und eine Demoteilnehmerin umarmen sich. Quelle: Steffi Reichert, https://www.flickr.com/photos/sozialfotografie/27668778690/in/album-72157667552938844/

 

Am Montag ist in Berlin etwas Großes geschehen. Das, was in Berlin stattfand, war mehr als eine Solidaritätskundgebung für Gina Lisa Lohfink. Wir möchten uns bei allen, die dort waren und dazu beigetragen haben, bedanken. Das, was ihr gemacht habt, schwingt weit über Berlin hinaus.

Öffentlicher Raum der gegenseitigen Unterstützung

Nachdem am Morgen das geplante Programm beendet war, das aus Reden zur juristischen Lage, Musikbeiträgen und Verlesungen der Botschaften von Betroffenen bestand, harrten Dutzende von Menschen weiter über Stunden vor dem Gerichtsgebäude aus, um bis zum Ende des Prozesses unterstützend anwesend zu sein.
In dieser Zeit traten Menschen an das Mikro und teilten ihre eigenen Erfahrungen von sexueller Gewalt mit den Anwesenden. Es wurde viel geweint.

Wir alle kennen die Zahlen und Daten zu sexueller Gewalt, die im Zuge der Köln-Debatte und nun mit dem Unrechtsfall von Gina Lisa Lohfink endlich in der breiteren Öffentlichkeit präsent sind, und die vor allem eines deutlich machen: Betroffene sind sich selbst überlassen. Betroffene bleiben mit den tiefen Verletzungen, die ihnen durch diese Gewalt angetan wurde, alleine. Sie bleiben vor allem gesellschaftlich alleine, auch wenn es privat und im Rahmen von professioneller Hilfe hier und da Unterstützung gibt.

Am Montag wurde ein öffentlicher Raum erschaffen, in dem Betroffene und UnterstützerInnen* zusammen waren, und zwar zusammen in dem Sinn, dass Platz für die erfahrenen Verletzungen und für uneingeschränkte gegenseitige Solidarität war. Das ist tief bewegend. Es hat etwas Heilsames und zugleich etwas unglaublich Kraftvolles.

In diese gegenseitige Unterstützung war auch Gina Lisa Lohfink eingebunden, die mehrmals zu den Demonstrierenden sprach und am Ende des Prozesses einige von ihnen umarmte.

Tendenziöser Prozess mit durchgängiger Täter-Opfer-Umkehr

Frau Lohfink war an diesem Prozesstag wieder großem Druck ausgesetzt. Zu der Anklage, die bereits für sich eine Verhöhnung von ihr als mutmaßlicher Betroffener ist,  kommt die große öffentliche Aufmerksamkeit, mit unzähligen MedienvertreterInnen* vor Ort. Am Montag musste Frau Lohfink außerdem einem mutmaßlichen Täter, der als Zeuge einberufen war, begegnen.[1] Im Gerichtsgebäude tummelten sich ungestört Männer, die laut davon berichteten, wie „geil“ sie das Video fanden, das als Vergewaltigungsvideo Redaktionen angeboten worden war.

Vor allem aber erwies sich die Richterin Antje Ebner als deutlich feindselig gegenüber Gina Lisa Lohfink eingestellt. Eine Frau aus dem Berliner Orga-Team, selbst Juristin, konnte den Prozess über die gesamte Länge beobachten und bezeichnet ihn als Farce, da ausgesprochen tendenziös geführt. Pardis F. wurde von Richterin Ebner mit ausgesprochener Milde befragt, wenn sie überhaupt Fragen stellte. Obwohl er sich in Widersprüche verfing, hakte Ebner nicht nach. Geradezu lachhaft waren dessen Aussagen, in denen er sich als eigentliches Opfer des Falles darstellte. Er würde nie etwas gegen den Willen von Frau Lohfink tun – bereits die Existenz des Videos spricht jedoch vom Gegenteil.  Als die Verteidiger von Lohfink, Burkhard Benecken und Christian Simonis, Pardis F. genauer befragten, ging die Richterin dazwischen und versuchte Fragen zu verhindern. Gegenteilig verhielt sie sich bei der Entlastungszeugin für Lohfink, der ehemaligen Managerin Alex S. Diese wurde von ihr scharf befragt. Diese tendenziöse Verhandlungsführung wurde denn auch von Verteidiger Simonis offen bemängelt. Beide Verteidiger hatten bereits zu Beginn des Prozesstages einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin gestellt, über den allerdings erst später von einem Schöffengericht entschieden werden wird. Die Begründung für den Antrag war, dass die Gerichtssprecherin Jani am ersten Verhandlungstag den Vorfall zweier Männer, die Frau Lohfink auf den Gerichtsfluren als „Hure“ beschimpften, als Inszenierung von seitens der Verteidigung und Gina Lisa Lohfinks bezeichnete. Der Vorfall hatte zum Zusammenbruch Frau Lohfinks und zu einem Abbruch der Verhandlung geführt. Die Entschlossenheit seitens des Gerichts, wirklich grundsätzlich eine Täter-Opfer-Umkehr vorzunehmen ist doch sehr beachtlich, allzumal diese Voreingenommenheit in diesem Fall einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt wird.

Gelegenheit für einen zweiten Befangenheitsantrag gab es dann gegen Ende des Prozesses. Die Richterin wollte das Video, das gegen den Willen Gina Lisa Lohfinks verbreitet wurde und die von ihr angezeigten Taten zeigt, nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorführen. Laut Verteidiger ging das gegen eine zuvor telefonisch getroffene Absprache. Doch vom Einspruch der Verteidiger und ihrem zweiten Befangenheitsantrag ließ die Richterin sich nicht beirren. Ihre Begründung für die öffentliche Vorführung: Frau Lohfink habe schließlich selbst die Öffentlichkeit gesucht. Der Zynismus und die offene Feindseligkeit, mit dem die Richterin gegen die Persönlichkeitsrechte Gina Lisa Lohfinks agiert, macht sprachlos.

Draußen skandierten die von der Prozessbeobachterin darüber informierten UnterstützerInnen* derweilen ausdauernd „Nein heißt Nein!“, was bis in den Verhandlungssaal zu hören war.

In letzter Konsequenz verließen die Verteidiger gemeinsam mit Frau Lohfink den Verhandlungssaal, und erzwangen damit den Abbruch des Prozesses.

Wie ein derartig stressreicher und tumultartiger Prozesstag auf Gina Lisa Lohfink wirkt, kann man sich ungefähr vorstellen. Zu hoffen ist, dass die solidarischen Proteste ein bisschen was davon auffangen und ihr Kraft und Rückhalt geben konnten.

Doch selbst auf Lohfinks sichtbaren emotionalen Reaktionen reagierte die Richterin in sarkastischer Form, indem sie spitz fragte, ob diese ein Taschentuch bräuchte. Leider wurde diese weitere Suggestion einer Inszenierung von vielen Medien aufgegriffen, die in ihren Berichten des Prozesstages in Frage stellten, ob es Frau Lohfink wirklich so schlecht ging. Es fehlt eigentlich nur noch, dass die Richterin, und in ihrem Gefolge die Medien ihr vorwerfen, sich selbst vor Gericht gebracht zu haben.

Es geht weiter

Der Demo-Aufruf hatte zu Solidarität mit Gina Lisa und allen Betroffenen von sexualisierter Gewalt aufgefordert. Beides wurde am 27. Juni in beeindruckender Weise wahrgemacht. Die Parole „Du bist nicht allein“, die gerufen wurde, um Gina Lisa Lohfink immer wieder Rückhalt zu versichern, galt und gilt zugleich allen Betroffenen.

Wir möchten dem wunderbaren Orga-Team in Berlin danken, das so stark und engagiert den Protest organisiert und durchgeführt hat und gemeinsam mit uns bereits dabei ist, den Folgetermin am 8. August vorzubereiten (Kommt alle wieder!).

Wir wünschen uns, dass von dem Spirit, der in Berlin geherrscht hat, auch etwas auf unseren nächsten Soli-Protest für Claudia D. in Frankfurt abfärbt, die seit mehreren Jahren von Jörg Kachelmann juristisch verfolgt und genauso lange von uns protestierend begleitet wird. Am 14. Juli ist es wieder soweit und weitere Frankfurter Unterstützung ist sehr willkommen.

Es geht weiter – mit der Solidarität, und mit der Diskussion um sexuelle Gewalt, Täterfreundlichkeit und sexistische Zustände in Gesellschaft und Justiz. Und solange letztere anhalten, auch mit dem Protest.

 

[1] Aus Gründen der Rechtssicherheit schreiben wir „mutmaßlich“ dazu, würden darauf aber auch gerne verzichten.

 

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